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Vom Gaffen bis zum Grunzen

Sollten Sie das leicht veraltete Verb gaffen in einen Text setzen, dann ist das gutes Hochdeutsch und heisst ungefähr „mit offenem Mund anstarren, den Mund aufsperren". Wenn Sie als Schauspieler oder Musiker für Ihre Leistung Geld erhalten, dann ist das nicht ein Lohn, sondern eine Gage. Während Gagen nur im Theaterbetrieb ausbezahlt werden, „engagiert" man heute auch Serviertöchter und Ingenieure, aber man zahlt ihnen nicht Gagen, sondern Löhne.

Immer seltener wird die schöne Wendung „Es ist gang und gäbe" gebraucht. Sie bedeutet annehmbar, willkommen, lieb und gut.  Die indogermanische Wurzel von Gang hiess ghengh und bedeutete „die Beine spreizen, schreiten". Das Substantiv Gang benimmt sich wie ein Chamäleon. Je nach Umgebung bedeutet es das Gehen, das einmalige Gehen einer Strecke zu einem bestimmten Zweck, aber auch die Gangart, die Bewegungsart, eine übersetzungsstufe des Autogetriebes oder den Ablauf eines Geschehens. Hängt man die vier Buchstaben hinter einen Stuhl, dann stinkt es. Dies, weil es im 15. Jahrhundert den Gang zum Nachtstuhl bedeutete, der ein medizinisches Gerät war. Schneidet man heute den Gang ab, bleibt der Stuhl. Auch dieser erhält  Chamäleon-Eigenschaften, wenn Sie Ihren Arzt nach der Bedeutung des Worts in seiner Fachsprache fragen.

Was haben die Wörter gerinnen, gemein und Gefährte gemein? Leicht zu erraten: Das Präfix „Ge." Sprachforscher vermuten, die voran gesetzte Silbe sei ursprünglich  eine Präposition gewesen und habe bedeutet „zusammen, mit". Dann wurde „Ge-„ zur Bildung von Kollektiva verwendet: „Gebirge, Gefieder, Gebüsch". Die zwei Buchstaben können aber auch ein Ergebnis bezeichnen: Geschenk, Gemälde, Gewächs", manchmal mit verächtlichem Unterton: „Gebrüll, Gerede, Getue".

Sind sie erkältet, dann gehen Sie nicht gleich zum Arzt oder in die Apotheke. Versuchen Sie ihr Leiden durch einen guten Grog zu kurieren! Dazu brauchen Sie heisses Wasser, einen Gutsch (Berndeutsch, nicht im Duden) Rum  und etwas Zucker. Das hilft!

Sollte Ihre Tochter oder Ihr Sohn das für Sie erotikgeladene Adjektiv geil zu oft und unbedacht brauchen, dann ist das nur eine Rückkehr zur ursprünglichen mittelhochdeutschen Bedeutung, als damit „kraftvoll; üppig, lustig oder fröhlich" gemeint war. Es hat über die Jahrhunderte hinweg also nur eine winzige Verschiebung zu seiner Bedeutung in der heutigen Jugendsprache stattgefunden, in der es am ehesten mit „grossartig" oder „toll" synonym ist.

Wenn Sie ihren Kollegen wegen eines gelungenen Votums loben wollen, dann sagen Sie bitte nicht: „Gut gegrunzt, Löwe." Das Verb ist nach Duden ein Lehnwort aus dem Schweinestall.

Jaroslaw Trachsel

 



 
 
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